maandag 4 januari 2016

Views & Reviews Ansichten von Frauen Joerg Colberg Incredibly Cheap Photobooks Eva Kroth Photography

Die Photographin Eva Kroth
Ansichten von Frauen

... Photobooks are commonly discussed, especially since the books about photobooks industry started to take off. There are many reasons why those kinds of books are doing the community a huge favour. After all, not only do they discuss the medium photobook in ways that it truly deserves, they also expose a lot of unknown books to a larger audience. Except, of course, that often enough you then see those books listed on Ebay, say, with, for example, “Parr/Badger” included in the subject line... Read for more ...

2. Dezember 1977, 7:00 Uhr

Zeitgenössische Photographie ist ein Gebrauchsgegenstand. Sie dokumentiert das Alltägliche in jeder Tageszeitung, hält es fest und behauptet, daß es so gewesen sei. Oder sie verändert das Alltägliche, indem sie es – in der Werbung – neu dekoriert, verschönert und behauptet, daß es so sein müsse. Da Photographie die Realität durch einen Apparat hindurch wiedergibt, ist man geneigt, ihr Glauben zu schenken.

Damit scheint das Objektiv ein untaugliches Mittel für subjektive Interpretation zu sein. Natürlich ist das nicht wahr. Jedes Photo interpretiert zugleich, weil es selektiert, es spiegelt eine unvollständige und deshalb subjektive Wirklichkeit wider. Daß sie so einheitlich ist, so glaubwürdig sogar in einer Anzeige, liegt an dem mangelnden Interesse, das der Photographie heute entgegengebracht wird: Für die „andere Wirklichkeit“ sind andere zuständig, Künstler, Schreiber, Literaten.

Eva Kroth, achtundzwanzigjährige Photographin aus Hamburg, hat jetzt den Versuch unternommen, ein ständig abgelichtetes Photo-Objekt neu zu sehen. Ihre Sammlung –

Eva Kroth: „Ansichten von Frauen“, Zweitausendeins Versand, Frankfurt am Main, 1977; Abb., 17,– DM

ist Ausdruck einer konsequenten Verzweiflung über heutige Photographie und gerade deshalb geeignet, sie zu rehabilitieren.

„Ansichten von Frauen“ ist bewußt im doppeldeutigen Sinn gemeint. Hier werden Frauen angesehen, aber sie sehen auch an: die Welt, die Kamera, die Photographin, sich selbst. In den drei Jahren, die Eva Kroth an dem Buch gearbeitet hat, photographierte sie über 300 Frauen, unterhielt sich mit ihnen, bat sie, ihre Situation zu schildern und filterte aus den Gesprächen Sätze, die jetzt – man kann es nicht anders sagen – die Photos illustrieren. Denn die Geschichte erzählen die optischen „Ansichten“.

Alle Frauen sind ausdrücklich zum Zweck des Photographiertwerdens vor die Kamera gesetzt worden: Eva Kroth verfährt mit den Mitteln und der Ästhetik eines Werbephotographen, sie läßt ihre Modelle sich darstellen, zieht sie teilweise sogar aus. Aber ihre Optik ist von dem Voyeurismus üblicher Frauenphotographie weit entfernt, weil sie nicht am Objekt, sondern am Subjekt Frau interessiert ist: „Wer bist du?“

Viele ihrer Partnerinnen vor dem Objektiv hat diese Frage erkennbar in Verlegenheit gestürzt. Ertappt, verunsichert, wirken sie, als ob sie zum erstenmal so klar nach sich selbst gefragt worden seien, rasch irgendeine Identität zusammengescharrt hätten und nun erschrocken etwas präsentieren, was dieses „Ich“ sein könnte. Persönlichkeiten sind die wenigsten, das zaghafte Angebot dominiert. Hat Eva Kroth ihre Frauen überfordert? Es ist schon mitleiderregend, wie sehr sich manche der Photographierten bemüht haben, der Photographin zu gefallen. Sie blicken in die Kamera wie Schneewittchen in den Spiegel, sie sind es nicht gewohnt, als Mensch angeschaut zu werden und weigern sich einfach, etwas anderes als Objekt zu sein.

Die Bildtexte verstärken diesen Eindruck oft noch, indem sie in krassem Widerspruch zur Aussage des Photos stehen. Da verkündet ein zweiundzwanzigjähriges „Photomodell“ (die Frauen haben ihre Berufsbezeichnungen selber angegeben): „Irgendwann habe ich gemerkt, wie ich sein muß, um auf bestimmte Leute zu wirken. Im Grunde bin ich Realist. Mein Aussehen ist mein Kapital.“ Oder die dreiunddreißigjährige Sekretärin, mit nacktem Oberkörper ergeben vor der Kamera posierend: „Eigentlich finde ich mich ganz gut so wie ich bin.“

Die Photographin Eva Kroth verzärtelt ihre Objekte nicht. Sie weigert sich, sie schöner zu zeigen als sie sind, verzichtet auf Weichzeichner und ähnliche photographische Vernebelungseffekte, präsentiert – in harten Schwarzweißphotos – ein Frauenbild, von dem sie im Vorwort des Buches sagt: „Das Resultat meiner Arbeit entspricht für mich der Realität, aber ich weiß, daß es meine persönliche Realität ist.“

Manchen der porträtierten Frauen war es durchaus nicht angenehm, so gesehen zu werden. Was von der Photographin als persönliche Betroffenheit in der Begegnung mit ihnen empfunden wurde, das menschliche Unglück und die Unsicherheit, die in vielen Photos zum Ausdruck kommt, haben sie als bewußte Diffamierung verstanden: Hier sei eine Frauenhasserin am Werk gewesen, meinten einige.

Heinrich Böll hat bei der Büchner-Preisverleihung an Reiner Kunze gesagt: „Es gibt ein uraltes, nicht nur deutsches Mißverständnis zwischen Autoren und Politikern; letztere bilden sich einfach zu viel ein, wenn sie durch Romane, Gedichte, Erzählungen, Dramen sich beleidigt fühlen, weil die Welt, die sie geschaffen haben, in Wirklichkeit schöner sei als dort dargeboten.“

Eva Kroth verteidigt ihre Wirklichkeit in der Photographie gegen eine Übermacht anderer, schönerer Wirklichkeiten. Sie versteht sich damit als Repräsentantin einer Reihe von aufklärerischen, sozial engagierten Photographen, wie zum Beispiel der 1964 gestorbene August Sander es war. Sander porträtierte Menschen seiner Zeit, was damals hieß: Männer.
Sabine Rosenbladt


MENSCHEN MIT DER KAMERA AUFSPIESSEN

Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur richtet August Sander, dem Plattenkamera-Soziologen und Schmetterlingssammler unter den Fotografen, eine große Jubiläumsausstellung anlässlich seines 50. Todestages aus. Gezeigt werden »Meisterwerke und Entdeckungen«.

TEXT: ANDREJ KLAHN

Der Blick ins Atelier ließe kaum vermuten, dass dort ein Mann am Werk ist, der zum deutschen Ahnherren des dokumentarischen Stils in der Fotografie werden sollte. Im weißen Malerkittel, mit Pinsel und Farbpallette sitzt August Sander vor einem Landschaftsbild. An den Wänden drängeln sich fertig gestellte Gemälde bis über Kopfhöhe hinaus, bewacht von einem Zähne fletschenden Eisbären-Teppich. Aufgenommen wurde das Foto 1905 in Linz, wo Sander ein »Atelier für bildmäßige Photographie« führte, das er wahlweise auch als »Kunst-Anstalt für Moderne Photographie und Malerei« bezeichnete. Zu einer Zeit, als der 1876 im siegerländischen Herdorf geborene Sohn eines Grubenzimmermanns noch nicht an seinem fotografischen Großprojekt »Menschen des 20. Jahrhunderts« arbeitete, das in »absoluter Naturtreue ein Zeitbild unserer Zeit« zeichnen sollte.

In Linz ist der junge Sander noch weit davon entfernt, mit der Großbildkamera Soziologie betreiben zu wollen. Er hat künstlerische Ambitionen, möchte Maler werden, denn der Fotograf gilt noch als Handwerker. Was an den Wänden seines Ateliers hängt, legt die Vermutung nahe, dass Sanders malerische Versuche ganz in der realistischen Tradition des 19. Jahrhunderts stehen. Man könnte auch sagen: Sie lassen in ihrer Naturtreue den fotografischen Blick erkennen. Während die Fotos, die Sander in dieser Zeit anfertigt, mit Retusche und Edeldruckverfahren zum Malerischen tendieren.

Es sollte lange dauern, bis der Autodidakt dann doch noch zum Künstler wird. Mitte der 1920er Jahre, Sander betreibt mittlerweile ein Atelier auf der Dürener Straße im Kölner Stadtteil Lindenthal, entwirft der Fotograf sein später modifiziertes Konzept für die epochalen »Menschen des 20. Jahrhunderts«. Ein »Kulturwerk in Lichtbildern« möchte er schaffen, nach Ständen geordnet und eingeteilt in sieben Gruppen: der Bauer, der Handwerker, die Frau, die Stände, die Künstler, die Großstadt und die letzten Menschen. Und es ist wohl kein Zufall, dass die Idee, Menschen nach Typen zu sortieren, ausgerechnet in der Zeit der unruhigen Weimarer Republik entsteht. Die wilhelminische Gesellschaft befindet sich in Auflösung und mit ihr all das, was Lebensentwürfen wohl oder übel Halt verleihen kann: Klassengrenzen werden durchlässiger, Hierarchien geraten durcheinander, Routinen und Konventionen werden neu ausgehandelt. In diesen Jahren bildet sich eine Art Gegenprogramm zur sozialen Mobilität heraus, das Helmut Lethen einmal als »Furor des Rasterns« beschrieben hat. Auf der Suche nach Stabilität in der Unordnung wird klassifiziert und typologisiert: von der Handschrift über den Charakter und Körperbau bis hin zur Rasse.

Vor diesem Hintergrund hatte der Sozialwissenschaftler Max Weber seine Zunft in dem 1920 erschienenen Aufsatz »Wissenschaft als Beruf« mit viel heldenhafter Emphase auf Nüchternheit eingeschworen. Wie später auch Sander, fordert er ein rückhaltloses Bekenntnis zum Zeitalter ein. Es gelte, dem »Schicksal der Zeit in sein ernstes Antlitz« zu blicken und es »männlich« zu ertragen. August Sanders kurze Programmschrift, die anlässlich der ersten Ausstellung seiner »Menschen des 20. Jahrhunderts« im Kölnischen Kunstverein 1927 erscheint, liest sich wie ein Echo auf solch neusachliche Appelle. Er müsse, heißt es da, als »gesunder Mensch so unbescheiden« sein, »die Dinge so zu sehen, wie sie sind und nicht wie sie sein sollen oder können«. Nichts, so lässt Sander sein Publikum wissen, sei ihm verhasster als »überzuckerte Photographie mit Mätzchen, Posen und Effekten«.

Damit ist der Konzept-Künstler August Sander geboren, der das Gesellschaftsporträt seiner Zeit aus einer Vielzahl von Einzelbildern zusammensetzen will, um hinter dem Individuellen die allgemeine Struktur sichtbar zu machen. Der 2005 verstorbene Sammler und Kurator Leo Fritz Gruber, der nach dem Krieg maßgeblich dazu beigetragen hat, Sander bekannt zu machen, hat dieses gewaltige Vorhaben mit der Tätigkeit des Insektenkundlers verglichen: Sander habe die Menschen wie Schmetterlinge mit der Kamera aufgespießt.

Nur dass die Beute des Entomologen nicht in Schaukästen, sondern in Mappen aufbewahrt wird. Allein für die Gruppe »Der Bauer«, die so genannte Stammmappe der »Menschen des 20. Jahrhunderts«, sah das Urkonzept sieben Untergliederungen vor, für den Jungbauern genauso wie für das Bauernkind und seine Mutter oder den Bauern und die Maschine. In seine Mappen fügt Sander auch solche Porträts ein, die Jahre zuvor in einem ganz anderen Verwertungszusammenhang entstanden sind. Der Großteil ist Auftragsarbeit. Bis zuletzt wird der Künstler August Sander also ein Zwilling des Berufsfotografen bleiben und sich darin von den industriearchitektonischen Archäologen Bernd und Hilla Becher unterscheiden, die Sanders Einfluss auf die eigene typologische Arbeit immer betont, jedoch eine eigens für ihr Vorhaben ausgeprägte Bildsprache entwickelt haben.

Der Fotograf betreibe »vergleichende Photographie«, schreibt Alfred Döblin in seinem Vorwort zum Bildband »Antlitz der Zeit«, in dem Sander 1929 sechzig seiner »Menschen des 20. Jahrhunderts« erstmals in Buchform vorstellt. Darin finden sich die heute berühmtesten Gesichter aus Sanders Sammlung. Als Vintage-Prints sind sie in der Kölner Ausstellung zu sehen: der 1928 aufgenommene Konditor, ein dickleibig-kurzhalsiger, schnauzbärtiger Mann im fleckenlos hellen Kittel. Sein Blick ist – wie auf nahezu allen Sander-Porträts üblich – direkt in die Kamera gerichtet. In der rechten Hand hält der Kahlkopf einen Löffel, mit dem er in einem silbernen Bottich herumrührt. Dahinter lösen sich die Konturen der Werkstatt in Dunkelheit und Unschärfe auf.

Oder die berühmten Jungbauern, die Sander 1914 auf einem Feldweg im Westerwald abgelichtet hat. Drei herausgeputzte junge Männer im Sonntagsanzug, die sich mit lässiger Eleganz auf ihre Spazierstöcke stützen. Erwartungsvoll sehen sie aus, stolz, vielleicht auch ein bisschen hochmütig. Dass dieses Bild zu einer Ikone der Fotografie wurde, lässt sich schwerlich durch die handwerkliche Qualität der Aufnahme erklären. Eher schon dadurch, dass die Frage nach der Richtung, in die diese Bauern unterwegs sind, von der Weltgeschichte beantwortet worden ist. Kurz nach der Aufnahme bricht der Erste Weltkrieg aus, und einer der Jungbauern wird ihn nicht überleben. Mit dem Wissen um diese historische Pointe sieht der Betrachter drei Männer auf dem Weg zum Totentanz.

Die Ausstellung verengt den Jubiläums-Fokus jedoch nicht auf den Säulenheiligen der sachlichen Porträt-Fotografie. Gezeigt werden neben Landschaftsaufnahmen auch Kuriositäten wie ein Porträt des zerzausten Fotografen nach dem Mittagsschlaf, aufgenommen von seiner Assistentin; dazu weniger bekannte Werkgruppen, die teils schon in Ausstellungen der Photographischen Sammlung zu entdecken waren. Darunter etwa eine kleine Auswahl aus dem über 300 Aufnahmen umfassenden Sardinien-Konvolut. Entstanden ist es 1927 während einer Reise, die Sander zusammen mit dem Schriftsteller Ludwig Mathar unternommen hat. Sander wollte den fernen Kulturraum mit der Kamera vermessen und Szenen des einfachen sardischen Landlebens einfangen. Seinem Programm bleibt er dabei auch fernab der Heimat treu und porträtiert die Einheimischen meist frontal bei natürlichem Licht.

Dass Sander lange Zeit in Kategorien der bildenden Kunst dachte, zeigt eine »Studien, der Mensch« betitelte Werkgruppe. Unter diesem Titel versammelt er an Skizzen erinnernde Detailansichten von Händen und Fingern, die er in den 1920er Jahren teils aus vorhandenen Porträts heraus vergrößert, teils eigens für die Serie anfertigt. Knapp hundert Jahre später darf man darin kaum mehr als Fingerübungen eines Mannes erkennen, der sich selbst wohl nie hätte träumen lassen, dass er einmal als Alter Meister in die Geschichte der Fotografie eingehen würde.

 »August Sander – Meisterwerke und Entdeckungen«, bis zum 3. August 2014 in der Photographischen Sammlung / SK Stiftung Kultur. www.sk-kultur.de

Agneta Maria Jilek

DER ARBEITERSTAAT IM BILD

DIE REPRÄSENTATION VON ARBEIT IN DER KÜNSTLERISCHEN FOTOGRAFIE DER 1970ER UND 80ER JAHRE IN DER DDR

Dissertation an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig, Juniorprof. Dr. Friedrich Tietjen, Beginn: Januar 2011, Art der Finanzierung: Promotionsstipendium der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Kontakt: a.jilek@web.de

Erschienen in: Fotogeschichte 121, 2011

In der DDR wurde eine Bildpolitik etabliert, in deren Zentrum der Arbeiter als Personifikation des staatlichen Aufbaus stand.[1] Dieses Bildprogramm unterlag analog zum Wechsel von der Ulbricht- zur Honeckerära einem Wandel: Nach dem Machtantritt Erich Honeckers entwickelte sich der Kanon des „Sozialistischen Realismus“ hin zu einer größeren Alltagsnähe. Ziel der Dissertation ist es, die Genese der Darstellung des arbeitenden Menschen in der sozialdokumentarischen DDR-Fotografie der 1970er und 80er Jahre zu zeigen. Anhand des fotografischen Bildes der Arbeit soll dabei der Frage nachgegangen werden, wie die auf dem Normenkonzept des Sozialistischen Realismus basierende Bildpolitik der DDR von den Künstlern verinnerlicht und in deren Arbeiten transformiert wurde.

Für viele Künstler in der DDR war die Darstellung des arbeitenden Menschen eine elementare bildkünstlerische Aufgabe, weil sie sich an einem Kunstmodell orientierten, das sich aus dem Normenkonzept des Sozialistischen Realismus heraus entwickelt hatte. Im Zentrum der ideologisierten staatlichen Auftragsfotografie und der künstlerisch „unabhängigen“ Fotografie stand dabei jeweils das Bild des Menschen als Synonym der erwünschten bzw. konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse. Auftragsfotografen waren verpflichtet, die Ideale und Grundwerte der sozialistischen Ideologie, in erster Linie ausgehend vom Bild des arbeitenden Menschen, in die Ikonografie der Fotografie zu transportieren, um die ideale sozialistische Gesellschaft zu visualisieren. Die seit 1951 in der DDR auf dem Gebiet der bildenden Kunst insbesondere für die Malerei geführte „Formalismus-Debatte“ wurde von Beginn an auch auf den Bildjournalismus übertragen, wobei die spezifischen Eigenschaften des fotografischen Mediums jedoch nicht berücksichtigt wurden. Die realistische Abbildung diente als Transportvehikel für den ideologischen Inhalt. Dabei stand in den 1950er Jahren im Mittelpunkt der Berichterstattung vor allem der heroisierte Arbeiter, der aktiv am Aufbau des Staates beteiligt war. In den 1970er Jahren vollzog sich laut Paul Kaiser innerhalb der offiziellen fotografischen Bildwelten ein Wandel vom „starren Stildiktat“ des rigiden sozialistischen Idealismus hin zu einem „fluiden Integrationsmodell“ im Sinne eines alltagsnahen Realismus.[2] Die Folgen dieser Wandlung schlugen sich schließlich auch in den sozialdokumentarischen Konzepten von Fotografen in der DDR nieder. Die Realität des „real existierenden Sozialismus“ sickerte in die künstlerische Thematisierung von Arbeit ein. Besonders im letzten Jahrzehnt der DDR wurden schließlich menschenunwürdige Arbeitsumstände in den Betrieben thematisiert und müde, desillusionierte Arbeiter an Stelle heroischer gezeigt – jedoch ohne die Grenzen des Bildmusters aufzuweichen.

Politische Einflussfaktoren wurden bei der Betrachtung von DDR-Fotografie in der Forschung bisher weitgehend ausgeblendet, nicht zuletzt weil die Tradition des Sozialistischen Realismus über das Ende der DDR hinaus keine Fortsetzung gefunden hat. Eine differenzierte Analyse des Sozialistischen Realismus in Bezug auf die künstlerische Fotografie der DDR und in seinen Bezügen und Reaktionen sowohl auf die gleichzeitigen Entwicklungen im Westen und im Verhältnis zur Fotografie der 1920er Jahre und des Nationalsozialismus steht also noch aus. Für die geplante Dissertation ist es in diesem Zusammenhang wichtig, die Rolle und den Wirkungsgrad der DDR-Fotografietheorie auf die künstlerische Fotografie, beginnend bei der Lehre an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, die ab 1963 die einzige Ausbildungsstätte für künstlerische Fotografie in der DDR war, zu untersuchen.

[1] Paul Kaiser: Arbeiterlob im Kunstkombinat. Zum Wandel des Bildprogramms in Malerei und Fotografie, in: Fotogeschichte, Heft 102, 2006, S. 4.

[2] Ebenda.

























Views & Reviews Ansichten von Frauen Joerg Colberg Incredibly Cheap Photobooks Eva Kroth Photography

Die Photographin Eva Kroth
Ansichten von Frauen

... Photobooks are commonly discussed, especially since the books about photobooks industry started to take off. There are many reasons why those kinds of books are doing the community a huge favour. After all, not only do they discuss the medium photobook in ways that it truly deserves, they also expose a lot of unknown books to a larger audience. Except, of course, that often enough you then see those books listed on Ebay, say, with, for example, “Parr/Badger” included in the subject line... Read for more ...

2. Dezember 1977, 7:00 Uhr

Zeitgenössische Photographie ist ein Gebrauchsgegenstand. Sie dokumentiert das Alltägliche in jeder Tageszeitung, hält es fest und behauptet, daß es so gewesen sei. Oder sie verändert das Alltägliche, indem sie es – in der Werbung – neu dekoriert, verschönert und behauptet, daß es so sein müsse. Da Photographie die Realität durch einen Apparat hindurch wiedergibt, ist man geneigt, ihr Glauben zu schenken.

Damit scheint das Objektiv ein untaugliches Mittel für subjektive Interpretation zu sein. Natürlich ist das nicht wahr. Jedes Photo interpretiert zugleich, weil es selektiert, es spiegelt eine unvollständige und deshalb subjektive Wirklichkeit wider. Daß sie so einheitlich ist, so glaubwürdig sogar in einer Anzeige, liegt an dem mangelnden Interesse, das der Photographie heute entgegengebracht wird: Für die „andere Wirklichkeit“ sind andere zuständig, Künstler, Schreiber, Literaten.

Eva Kroth, achtundzwanzigjährige Photographin aus Hamburg, hat jetzt den Versuch unternommen, ein ständig abgelichtetes Photo-Objekt neu zu sehen. Ihre Sammlung –

Eva Kroth: „Ansichten von Frauen“, Zweitausendeins Versand, Frankfurt am Main, 1977; Abb., 17,– DM

ist Ausdruck einer konsequenten Verzweiflung über heutige Photographie und gerade deshalb geeignet, sie zu rehabilitieren.

„Ansichten von Frauen“ ist bewußt im doppeldeutigen Sinn gemeint. Hier werden Frauen angesehen, aber sie sehen auch an: die Welt, die Kamera, die Photographin, sich selbst. In den drei Jahren, die Eva Kroth an dem Buch gearbeitet hat, photographierte sie über 300 Frauen, unterhielt sich mit ihnen, bat sie, ihre Situation zu schildern und filterte aus den Gesprächen Sätze, die jetzt – man kann es nicht anders sagen – die Photos illustrieren. Denn die Geschichte erzählen die optischen „Ansichten“.

Alle Frauen sind ausdrücklich zum Zweck des Photographiertwerdens vor die Kamera gesetzt worden: Eva Kroth verfährt mit den Mitteln und der Ästhetik eines Werbephotographen, sie läßt ihre Modelle sich darstellen, zieht sie teilweise sogar aus. Aber ihre Optik ist von dem Voyeurismus üblicher Frauenphotographie weit entfernt, weil sie nicht am Objekt, sondern am Subjekt Frau interessiert ist: „Wer bist du?“

Viele ihrer Partnerinnen vor dem Objektiv hat diese Frage erkennbar in Verlegenheit gestürzt. Ertappt, verunsichert, wirken sie, als ob sie zum erstenmal so klar nach sich selbst gefragt worden seien, rasch irgendeine Identität zusammengescharrt hätten und nun erschrocken etwas präsentieren, was dieses „Ich“ sein könnte. Persönlichkeiten sind die wenigsten, das zaghafte Angebot dominiert. Hat Eva Kroth ihre Frauen überfordert? Es ist schon mitleiderregend, wie sehr sich manche der Photographierten bemüht haben, der Photographin zu gefallen. Sie blicken in die Kamera wie Schneewittchen in den Spiegel, sie sind es nicht gewohnt, als Mensch angeschaut zu werden und weigern sich einfach, etwas anderes als Objekt zu sein.

Die Bildtexte verstärken diesen Eindruck oft noch, indem sie in krassem Widerspruch zur Aussage des Photos stehen. Da verkündet ein zweiundzwanzigjähriges „Photomodell“ (die Frauen haben ihre Berufsbezeichnungen selber angegeben): „Irgendwann habe ich gemerkt, wie ich sein muß, um auf bestimmte Leute zu wirken. Im Grunde bin ich Realist. Mein Aussehen ist mein Kapital.“ Oder die dreiunddreißigjährige Sekretärin, mit nacktem Oberkörper ergeben vor der Kamera posierend: „Eigentlich finde ich mich ganz gut so wie ich bin.“

Die Photographin Eva Kroth verzärtelt ihre Objekte nicht. Sie weigert sich, sie schöner zu zeigen als sie sind, verzichtet auf Weichzeichner und ähnliche photographische Vernebelungseffekte, präsentiert – in harten Schwarzweißphotos – ein Frauenbild, von dem sie im Vorwort des Buches sagt: „Das Resultat meiner Arbeit entspricht für mich der Realität, aber ich weiß, daß es meine persönliche Realität ist.“

Manchen der porträtierten Frauen war es durchaus nicht angenehm, so gesehen zu werden. Was von der Photographin als persönliche Betroffenheit in der Begegnung mit ihnen empfunden wurde, das menschliche Unglück und die Unsicherheit, die in vielen Photos zum Ausdruck kommt, haben sie als bewußte Diffamierung verstanden: Hier sei eine Frauenhasserin am Werk gewesen, meinten einige.

Heinrich Böll hat bei der Büchner-Preisverleihung an Reiner Kunze gesagt: „Es gibt ein uraltes, nicht nur deutsches Mißverständnis zwischen Autoren und Politikern; letztere bilden sich einfach zu viel ein, wenn sie durch Romane, Gedichte, Erzählungen, Dramen sich beleidigt fühlen, weil die Welt, die sie geschaffen haben, in Wirklichkeit schöner sei als dort dargeboten.“

Eva Kroth verteidigt ihre Wirklichkeit in der Photographie gegen eine Übermacht anderer, schönerer Wirklichkeiten. Sie versteht sich damit als Repräsentantin einer Reihe von aufklärerischen, sozial engagierten Photographen, wie zum Beispiel der 1964 gestorbene August Sander es war. Sander porträtierte Menschen seiner Zeit, was damals hieß: Männer.
Sabine Rosenbladt


MENSCHEN MIT DER KAMERA AUFSPIESSEN

Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur richtet August Sander, dem Plattenkamera-Soziologen und Schmetterlingssammler unter den Fotografen, eine große Jubiläumsausstellung anlässlich seines 50. Todestages aus. Gezeigt werden »Meisterwerke und Entdeckungen«.

TEXT: ANDREJ KLAHN

Der Blick ins Atelier ließe kaum vermuten, dass dort ein Mann am Werk ist, der zum deutschen Ahnherren des dokumentarischen Stils in der Fotografie werden sollte. Im weißen Malerkittel, mit Pinsel und Farbpallette sitzt August Sander vor einem Landschaftsbild. An den Wänden drängeln sich fertig gestellte Gemälde bis über Kopfhöhe hinaus, bewacht von einem Zähne fletschenden Eisbären-Teppich. Aufgenommen wurde das Foto 1905 in Linz, wo Sander ein »Atelier für bildmäßige Photographie« führte, das er wahlweise auch als »Kunst-Anstalt für Moderne Photographie und Malerei« bezeichnete. Zu einer Zeit, als der 1876 im siegerländischen Herdorf geborene Sohn eines Grubenzimmermanns noch nicht an seinem fotografischen Großprojekt »Menschen des 20. Jahrhunderts« arbeitete, das in »absoluter Naturtreue ein Zeitbild unserer Zeit« zeichnen sollte.

In Linz ist der junge Sander noch weit davon entfernt, mit der Großbildkamera Soziologie betreiben zu wollen. Er hat künstlerische Ambitionen, möchte Maler werden, denn der Fotograf gilt noch als Handwerker. Was an den Wänden seines Ateliers hängt, legt die Vermutung nahe, dass Sanders malerische Versuche ganz in der realistischen Tradition des 19. Jahrhunderts stehen. Man könnte auch sagen: Sie lassen in ihrer Naturtreue den fotografischen Blick erkennen. Während die Fotos, die Sander in dieser Zeit anfertigt, mit Retusche und Edeldruckverfahren zum Malerischen tendieren.

Es sollte lange dauern, bis der Autodidakt dann doch noch zum Künstler wird. Mitte der 1920er Jahre, Sander betreibt mittlerweile ein Atelier auf der Dürener Straße im Kölner Stadtteil Lindenthal, entwirft der Fotograf sein später modifiziertes Konzept für die epochalen »Menschen des 20. Jahrhunderts«. Ein »Kulturwerk in Lichtbildern« möchte er schaffen, nach Ständen geordnet und eingeteilt in sieben Gruppen: der Bauer, der Handwerker, die Frau, die Stände, die Künstler, die Großstadt und die letzten Menschen. Und es ist wohl kein Zufall, dass die Idee, Menschen nach Typen zu sortieren, ausgerechnet in der Zeit der unruhigen Weimarer Republik entsteht. Die wilhelminische Gesellschaft befindet sich in Auflösung und mit ihr all das, was Lebensentwürfen wohl oder übel Halt verleihen kann: Klassengrenzen werden durchlässiger, Hierarchien geraten durcheinander, Routinen und Konventionen werden neu ausgehandelt. In diesen Jahren bildet sich eine Art Gegenprogramm zur sozialen Mobilität heraus, das Helmut Lethen einmal als »Furor des Rasterns« beschrieben hat. Auf der Suche nach Stabilität in der Unordnung wird klassifiziert und typologisiert: von der Handschrift über den Charakter und Körperbau bis hin zur Rasse.

Vor diesem Hintergrund hatte der Sozialwissenschaftler Max Weber seine Zunft in dem 1920 erschienenen Aufsatz »Wissenschaft als Beruf« mit viel heldenhafter Emphase auf Nüchternheit eingeschworen. Wie später auch Sander, fordert er ein rückhaltloses Bekenntnis zum Zeitalter ein. Es gelte, dem »Schicksal der Zeit in sein ernstes Antlitz« zu blicken und es »männlich« zu ertragen. August Sanders kurze Programmschrift, die anlässlich der ersten Ausstellung seiner »Menschen des 20. Jahrhunderts« im Kölnischen Kunstverein 1927 erscheint, liest sich wie ein Echo auf solch neusachliche Appelle. Er müsse, heißt es da, als »gesunder Mensch so unbescheiden« sein, »die Dinge so zu sehen, wie sie sind und nicht wie sie sein sollen oder können«. Nichts, so lässt Sander sein Publikum wissen, sei ihm verhasster als »überzuckerte Photographie mit Mätzchen, Posen und Effekten«.

Damit ist der Konzept-Künstler August Sander geboren, der das Gesellschaftsporträt seiner Zeit aus einer Vielzahl von Einzelbildern zusammensetzen will, um hinter dem Individuellen die allgemeine Struktur sichtbar zu machen. Der 2005 verstorbene Sammler und Kurator Leo Fritz Gruber, der nach dem Krieg maßgeblich dazu beigetragen hat, Sander bekannt zu machen, hat dieses gewaltige Vorhaben mit der Tätigkeit des Insektenkundlers verglichen: Sander habe die Menschen wie Schmetterlinge mit der Kamera aufgespießt.

Nur dass die Beute des Entomologen nicht in Schaukästen, sondern in Mappen aufbewahrt wird. Allein für die Gruppe »Der Bauer«, die so genannte Stammmappe der »Menschen des 20. Jahrhunderts«, sah das Urkonzept sieben Untergliederungen vor, für den Jungbauern genauso wie für das Bauernkind und seine Mutter oder den Bauern und die Maschine. In seine Mappen fügt Sander auch solche Porträts ein, die Jahre zuvor in einem ganz anderen Verwertungszusammenhang entstanden sind. Der Großteil ist Auftragsarbeit. Bis zuletzt wird der Künstler August Sander also ein Zwilling des Berufsfotografen bleiben und sich darin von den industriearchitektonischen Archäologen Bernd und Hilla Becher unterscheiden, die Sanders Einfluss auf die eigene typologische Arbeit immer betont, jedoch eine eigens für ihr Vorhaben ausgeprägte Bildsprache entwickelt haben.

Der Fotograf betreibe »vergleichende Photographie«, schreibt Alfred Döblin in seinem Vorwort zum Bildband »Antlitz der Zeit«, in dem Sander 1929 sechzig seiner »Menschen des 20. Jahrhunderts« erstmals in Buchform vorstellt. Darin finden sich die heute berühmtesten Gesichter aus Sanders Sammlung. Als Vintage-Prints sind sie in der Kölner Ausstellung zu sehen: der 1928 aufgenommene Konditor, ein dickleibig-kurzhalsiger, schnauzbärtiger Mann im fleckenlos hellen Kittel. Sein Blick ist – wie auf nahezu allen Sander-Porträts üblich – direkt in die Kamera gerichtet. In der rechten Hand hält der Kahlkopf einen Löffel, mit dem er in einem silbernen Bottich herumrührt. Dahinter lösen sich die Konturen der Werkstatt in Dunkelheit und Unschärfe auf.

Oder die berühmten Jungbauern, die Sander 1914 auf einem Feldweg im Westerwald abgelichtet hat. Drei herausgeputzte junge Männer im Sonntagsanzug, die sich mit lässiger Eleganz auf ihre Spazierstöcke stützen. Erwartungsvoll sehen sie aus, stolz, vielleicht auch ein bisschen hochmütig. Dass dieses Bild zu einer Ikone der Fotografie wurde, lässt sich schwerlich durch die handwerkliche Qualität der Aufnahme erklären. Eher schon dadurch, dass die Frage nach der Richtung, in die diese Bauern unterwegs sind, von der Weltgeschichte beantwortet worden ist. Kurz nach der Aufnahme bricht der Erste Weltkrieg aus, und einer der Jungbauern wird ihn nicht überleben. Mit dem Wissen um diese historische Pointe sieht der Betrachter drei Männer auf dem Weg zum Totentanz.

Die Ausstellung verengt den Jubiläums-Fokus jedoch nicht auf den Säulenheiligen der sachlichen Porträt-Fotografie. Gezeigt werden neben Landschaftsaufnahmen auch Kuriositäten wie ein Porträt des zerzausten Fotografen nach dem Mittagsschlaf, aufgenommen von seiner Assistentin; dazu weniger bekannte Werkgruppen, die teils schon in Ausstellungen der Photographischen Sammlung zu entdecken waren. Darunter etwa eine kleine Auswahl aus dem über 300 Aufnahmen umfassenden Sardinien-Konvolut. Entstanden ist es 1927 während einer Reise, die Sander zusammen mit dem Schriftsteller Ludwig Mathar unternommen hat. Sander wollte den fernen Kulturraum mit der Kamera vermessen und Szenen des einfachen sardischen Landlebens einfangen. Seinem Programm bleibt er dabei auch fernab der Heimat treu und porträtiert die Einheimischen meist frontal bei natürlichem Licht.

Dass Sander lange Zeit in Kategorien der bildenden Kunst dachte, zeigt eine »Studien, der Mensch« betitelte Werkgruppe. Unter diesem Titel versammelt er an Skizzen erinnernde Detailansichten von Händen und Fingern, die er in den 1920er Jahren teils aus vorhandenen Porträts heraus vergrößert, teils eigens für die Serie anfertigt. Knapp hundert Jahre später darf man darin kaum mehr als Fingerübungen eines Mannes erkennen, der sich selbst wohl nie hätte träumen lassen, dass er einmal als Alter Meister in die Geschichte der Fotografie eingehen würde.

 »August Sander – Meisterwerke und Entdeckungen«, bis zum 3. August 2014 in der Photographischen Sammlung / SK Stiftung Kultur. www.sk-kultur.de

Agneta Maria Jilek

DER ARBEITERSTAAT IM BILD

DIE REPRÄSENTATION VON ARBEIT IN DER KÜNSTLERISCHEN FOTOGRAFIE DER 1970ER UND 80ER JAHRE IN DER DDR

Dissertation an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig, Juniorprof. Dr. Friedrich Tietjen, Beginn: Januar 2011, Art der Finanzierung: Promotionsstipendium der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Kontakt: a.jilek@web.de

Erschienen in: Fotogeschichte 121, 2011

In der DDR wurde eine Bildpolitik etabliert, in deren Zentrum der Arbeiter als Personifikation des staatlichen Aufbaus stand.[1] Dieses Bildprogramm unterlag analog zum Wechsel von der Ulbricht- zur Honeckerära einem Wandel: Nach dem Machtantritt Erich Honeckers entwickelte sich der Kanon des „Sozialistischen Realismus“ hin zu einer größeren Alltagsnähe. Ziel der Dissertation ist es, die Genese der Darstellung des arbeitenden Menschen in der sozialdokumentarischen DDR-Fotografie der 1970er und 80er Jahre zu zeigen. Anhand des fotografischen Bildes der Arbeit soll dabei der Frage nachgegangen werden, wie die auf dem Normenkonzept des Sozialistischen Realismus basierende Bildpolitik der DDR von den Künstlern verinnerlicht und in deren Arbeiten transformiert wurde.

Für viele Künstler in der DDR war die Darstellung des arbeitenden Menschen eine elementare bildkünstlerische Aufgabe, weil sie sich an einem Kunstmodell orientierten, das sich aus dem Normenkonzept des Sozialistischen Realismus heraus entwickelt hatte. Im Zentrum der ideologisierten staatlichen Auftragsfotografie und der künstlerisch „unabhängigen“ Fotografie stand dabei jeweils das Bild des Menschen als Synonym der erwünschten bzw. konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse. Auftragsfotografen waren verpflichtet, die Ideale und Grundwerte der sozialistischen Ideologie, in erster Linie ausgehend vom Bild des arbeitenden Menschen, in die Ikonografie der Fotografie zu transportieren, um die ideale sozialistische Gesellschaft zu visualisieren. Die seit 1951 in der DDR auf dem Gebiet der bildenden Kunst insbesondere für die Malerei geführte „Formalismus-Debatte“ wurde von Beginn an auch auf den Bildjournalismus übertragen, wobei die spezifischen Eigenschaften des fotografischen Mediums jedoch nicht berücksichtigt wurden. Die realistische Abbildung diente als Transportvehikel für den ideologischen Inhalt. Dabei stand in den 1950er Jahren im Mittelpunkt der Berichterstattung vor allem der heroisierte Arbeiter, der aktiv am Aufbau des Staates beteiligt war. In den 1970er Jahren vollzog sich laut Paul Kaiser innerhalb der offiziellen fotografischen Bildwelten ein Wandel vom „starren Stildiktat“ des rigiden sozialistischen Idealismus hin zu einem „fluiden Integrationsmodell“ im Sinne eines alltagsnahen Realismus.[2] Die Folgen dieser Wandlung schlugen sich schließlich auch in den sozialdokumentarischen Konzepten von Fotografen in der DDR nieder. Die Realität des „real existierenden Sozialismus“ sickerte in die künstlerische Thematisierung von Arbeit ein. Besonders im letzten Jahrzehnt der DDR wurden schließlich menschenunwürdige Arbeitsumstände in den Betrieben thematisiert und müde, desillusionierte Arbeiter an Stelle heroischer gezeigt – jedoch ohne die Grenzen des Bildmusters aufzuweichen.

Politische Einflussfaktoren wurden bei der Betrachtung von DDR-Fotografie in der Forschung bisher weitgehend ausgeblendet, nicht zuletzt weil die Tradition des Sozialistischen Realismus über das Ende der DDR hinaus keine Fortsetzung gefunden hat. Eine differenzierte Analyse des Sozialistischen Realismus in Bezug auf die künstlerische Fotografie der DDR und in seinen Bezügen und Reaktionen sowohl auf die gleichzeitigen Entwicklungen im Westen und im Verhältnis zur Fotografie der 1920er Jahre und des Nationalsozialismus steht also noch aus. Für die geplante Dissertation ist es in diesem Zusammenhang wichtig, die Rolle und den Wirkungsgrad der DDR-Fotografietheorie auf die künstlerische Fotografie, beginnend bei der Lehre an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, die ab 1963 die einzige Ausbildungsstätte für künstlerische Fotografie in der DDR war, zu untersuchen.

[1] Paul Kaiser: Arbeiterlob im Kunstkombinat. Zum Wandel des Bildprogramms in Malerei und Fotografie, in: Fotogeschichte, Heft 102, 2006, S. 4.

[2] Ebenda.

























woensdag 30 december 2015

The Best Photography Exhibitions 2015


Rianne van Dijck Fotografie

1 The Order of Things, werk van o.a. August Sander, Karl Blossfeldt, Thomas Ruff, Ai Weiwei in The Walther Collection, Duitsland. Met deze expositie van kunstenaars die catalogiseren, classificeren, archiveren en ordenen laat De Duitse verzamelaar Arthur Walther zien dat hij een van de interessantste fotoverzamelaars is.

The Walther Collection presents The Order of Things: Photography from The Walther Collection, a survey exhibition exploring how the organization of photographs into systematic sequences or typologies has affected modern visual culture. The Order of Things investigates the production and uses of serial portraiture, conceptual structures, vernacular imagery, and time-based performance in photography from the 1880s to the present, bringing together works by artists from Europe, Africa, Asia, and North America. The exhibition, curated by Brian Wallis, former Chief Curator at the International Center of Photography in New York, will be on view at The Walther Collection in Neu-Ulm, Germany, beginning May 17, 2015, and will be accompanied by a catalogue published by Steidl/The Walther Collection.


2 Mijn Vlakke Land. FoMu, Antwerpen. Lofzang op de schoonheid en de meditatieve kracht van de natuur.

MIJN VLAKKE LAND: On photography and landscape
This summer, FOMU takes you on a visual journey through unspoiled nature and poses the question: Is it possible to recreate the sensation of hiking within the walls of a museum? When we go for a walk, we experience a succession of impressions that melt almost imperceptibly into each other. The exhibition Mijn Vlakke Land (My Flat Land) is a photographic montage that features works from 1856 to 2015 by over 50 artists from Belgium and abroad.

The ambivalence of landscape is at the heart of the exhibition, from safe haven to an experience of the sublime. Rather than a presentation of contemporary or historic points of view, the exhibition is conceived as an associative tour through nature. The only human presence is that of the photographer, who attempts to capture a personal vision of the natural scenery. Can an artist hold their own in such a poetic encounter with the elements?

Music lovers will recognise the reference to Jacques Brel in the title of this exhibition. Alongside the tribute to Brel’s lush ode to the Low Countries, flat also refers to an inevitable physical characteristic of photography. A photograph is a two-dimensional object on to which we project desires and expectations. The summer exhibition is thus more of a hymn to the romantic landscapes of our hearts and imaginations than to the actual Flemish countryside.


3 Ken Schles: Invisible City / Night Walk, Noorderlicht Fotogalerie Groningen.

Ken Schles - Invisible City/Night Walk 1983 - 1989
This spring the Noorderlicht Photogallery digs deep into a mythic time in New York’s Lower East Side. Ken Schles’ images from the 1980s are a gritty, penetrating portrayal of a city racked with violence, when crime rates were high and drug addicts and artists ruled his downtown world. An explosive but creative cocktail yielding an intoxicating brew of light, darkness and desire.

The exhibition of 100 black and white photographs coincides with the publication of a new Steidl monograph, Night Walk (2014), a companion to Schles’s underground cult classic Invisible City (1988). Recently reprinted by Steidl, Invisible City is considered alongside Brassaï’s Paris de Nuit and Ed van der Elksen’s Love On The Left Bank to be one of the great depictions of the nocturnal bohemian experience of the 20th century.


4 Annette Behrens | Looking for Carl. Nederlands Fotomuseum Rotterdam

ANNETTE BEHRENS | LOOKING FOR KARL
The discovery of the so-called Höcker Album in September 2007 made headlines all over the world. From the start, visual artist Annette Behrens was intrigued by the unique photo album: it is the first album ever to show the living conditions and leisure activities of Nazis who were posted to Auschwitz concentration camp during World War II. Owner of the album was SS officer Karl-Friedrich Höcker (1911 – 2000), who worked in Auschwitz as the commandant’s aide-de-camp in 1944. The album contains 116 photos from this period showing, among other things, outings by Höcker together with fellow camp personnel and top-ranking officers of the Nazi regime.

From May 30th until August 23, the Nederlands Fotomuseum presents Behrens’ intensive search for more information surrounding Höcker’s identity. In the exhibition Behrens gives the historical visual material with regard to this man a prominent place. Also, the confrontation with her own German background comes to the surface during her research.

Annette Behrens: (in matters of) Karl from Marcin Grabowiecki on Vimeo.

5Dana Lixenberg, Imperial Courts. Huis Marseille Amsterdam

Imperial Courts, 1993–2015

The Huis Marseille exhibition Imperial Courts, 1993–2015 displays for the first time the entirety of the work of photographer Dana Lixenberg made in the neighbourhood of Los Angeles from which it takes its name over the last twenty-two years. Through her photography, video, and audio works, Lixenberg offers us an intimate glimpse into the everyday life of this troubled area and its residents.

In 1944, as part of a large-scale public housing project, 498 single-family houses were built in Watts, a district of Los Angeles. During the 1950s, most of the people housed there were African-Americans from the Southern States. Imperial Courts, together with the surrounding districts, soon became a black ghetto. In 1965, rising anger at social injustice resulted in the notorious Watts rebellion and race rioting. In 1992, riots again broke out after four LAPD police officers were acquitted of the brutal beating of Rodney King, a black taxi driver. The same streets were also the battleground of a bloody conflict between two gangs, the Crips and the Bloods, until they agreed on a truce in 1993.

‘You want to put some niggas on display? Hahaha,’ was Tony Bogard’s reaction, leader of the PJ Watts Crips gang when Dana Lixenberg first met him in 1993, at the height of racial tensions in Los Angeles. Apart from the media, no one ever visited South Central Los Angeles, let alone the ‘projects’. Lixenberg was at first regarded with suspicion. The community was fed up with media attention and the negative stereotypes that came with it. But Lixenberg was persistent, and was eventually granted the approval of Tony Bogard, who would later play a crucial role in negotiating a truce between the Crips and the Bloods. During the month that followed, Lixenberg gradually won the trust of the residents of Imperial Courts.

Using a large-format camera mounted on a tripod, she portrayed them in black and white with only natural light. She intentionally photographed her subjects against neutral backgrounds, rather than locations loaded with meaning, such as graffiti-filled walls, and she kept references to gang culture out of her images. In so doing, according to the former director of photography at Vibe magazine, in which her work was first published in 1993, she created ‘a moving yet shrewdly quiet range of pictures that afforded her subjects the pleasure of being themselves as compelling individuals […] despite their monolithic, emotionally reserved surfaces, her casts of subjects surge throughout this dazzling series with a collective cool and an unfussy sense of elegance that imbues these men, women and children with quiet fire and vivid sense of style and self.’ (George Pitts, Hotshoe magazine, 2013) Tony Bogard was the last person Lixenberg photographed in this first period in 1993. He was shot dead in 1994.

Lixenberg remained in contact with the community and continued her work in Imperial Courts between 2008 and 2015. She has now added group portraits and landscapes to her individual portraits, and also made audio and video recordings; a new development in her artistic practice. These filmed scenes are observational and tranquil, capturing the people, their surroundings, and the daily rhythm of the neighbourhood. The very ordinariness of these scenes gives them a somewhat surreal and alienating quality, but the viewer is always subtly aware of the tension that hovers just below the surface in a neighbourhood such as this one.

Imperial Courts is the core project of Lixenberg’s oeuvre and life. ‘After twenty-two years, I have reached a point where I just can’t imagine not being here, not having Imperial Courts in my life, not knowing the people I’ve met here over the years,’ she writes in the afterword to the accompanying book.

Huis Marseille exhibition
The exhibition Imperial Courts, 1993–2015 displays the impressive results of this life’s work. A selection of 50 portraits and landscapes, on baryta paper – some of them in monumental format – is on display. A triple-screen video installation immerses the viewer in the community for 70 minutes, and an audio installation reveals the reactions of Imperial Courts residents to Lixenberg’s work.

For more information visit the Huis Marseille website: link

Book
The exhibition is accompanied by a new book, Imperial Courts, 1993-2015, designed by Roger Willems and published by Roma Publications. The book has been shortlisted for the Photobook of the Year Award by Paris Photo and the Aperture Foundation. Language: English, 296 pp., black and white, 24×31 cm, paperback. ISBN 9789491843426.




Thomas Struth, Paradise 09 , Xi Shuang Banna, Prov. Yunnan, China, 1999